The Dalai Obama
June 03, 2008 / Constanze Stelzenmueller
Süddeutsche Zeitung
Barack Obama drums up admiration in Germany as only the Dalai Lama can do, but the end of this euphoria is foreseeable. As America chooses, the world looks on. The next man at the helm of America will determine global politics like none other. In this sense, won't he in fact become the world's President? He's pretty much there, at least that's so far the case in Germany. Obama will call on the help of Germany and the rest of Europe to combat authoritarian regimes worldwide. Iran, NATO in Afghanistan, engagement on Europe's borders, diplomacy in the Middle East, and perhaps stabilization assistance in Iraq; as an idealist Obama hopes his appeal to Europe's sense of responsibility works, but if it fails he must continue as a realist - without Europe. (The full article is available below in German)
The article is also available on GMF's "Presidential Election 2008: What Europe Needs to Know," a website dedicated to informing both sides of the Atlantic about the main issues facing the transtlantic relationship during this Presidential election.
Der Dalai Obama
Barack Obama brandet in Deutschland soviel Verehrung entgegen, wie sonst allenfalls noch dem Dalai Lama. Doch das Ende der Euphorie ist abzusehen.
Eine Außenansicht von Constanze Stelzenmüller
Amerika wählt, und die Welt fiebert mit. Denn der nächste Mann - dass es eine Frau wird, scheint immer weniger wahrscheinlich zu sein - an der Spitze der Supermacht wird globale Politik bestimmen wie sonst kein anderer. In diesem Sinne wird er tatsächlich unser aller Präsident sein. Wird? Er ist es schon, zumindest hier in Deutschland.
Amerika wählt zwar erst am 4. November, aber die Deutschen sind längst einen großen Schritt weiter. Denn sie haben sich entschieden: Ihr Präsident heißt Barack Obama! So viel leidenschaftliche Verehrung brandet hierzulande allenfalls noch dem Dalai Lama entgegen, einen deutschen Kanzlerkandidaten zum Beispiel kann das nur mit Wehmut erfüllen. Nicht einmal die Profis vermögen sich der Woge des Wohlwollens ganz zu entziehen.
Außenminister befreundeter Nationen geben sich in Spitzen-Personalfragen üblicherweise salomonisch; wer weiß, mit wem man später noch in der Sauna sitzen muss. Doch selbst Frank-Walter Steinmeier, für starke öffentliche Gefühlsäußerungen nicht bekannt, kam neulich nicht umhin, bei einer Rede in Harvard ein Bekenntnis abzulegen. "Yes, we can!", wir können die transatlantischen Beziehungen erneuern, rief der Minister - und zitierte damit unverhüllt den Slogan des jungen Senators.
Die Begeisterung für Obama ist keineswegs unbegründet - zumal seit der Kandidat durch ein paar lehrreiche Kollisionen mit der Wahlkampfwirklichkeit einiges von seiner heiligmäßigen Aura verloren, aber dafür erheblich an Konturen, Tiefenschärfe und Bodenhaftung gewonnen hat. Während seine Gegnerin Hillary Clinton die Nichtfrauenversteher landauf, landab mit Zähigkeit und Wodkatrinken auf ex für sich einnahm, wirkte Obama entrückt, wie berauscht vom Sound seiner eigenen messianischen Rhetorik von hope und change, Hoffnung und Wandel.
Als sein Gemeindepfarrer und langjähriger Vertrauter Lawrence Wright die Nation mit paranoiden Hasstiraden schockierte, reagierte Obama mit einer großen, klugen Rede über Rassismus, die dennoch an seiner Fähigkeit zur Härte zweifeln ließ. Aber als der Pastor weiterdrosch, war Schluss. Der Zögling brach mit seinem Lehrer.
Gelernt hat der Harvard-Absolvent und Einserjurist Obama auch aus der Empörung nach seinen fatal herablassenden Kommentaren über "bittere" arbeitslose weiße Männer. Der Sohn einer alleinerziehenden Mutter, die zeitweise auf Lebensmittelmarken angewiesen war, sucht nun das Gespräch mit jenen Mitbürgern, denen die Zukunft derzeit nicht Hoffnung, sondern Angst macht. Er redet weniger und hört mehr zu, lobt die New York Times. Der aufgezwungene Kampf um die Kandidatur hat Obama gestärkt, nicht geschwächt; nicht zuletzt, weil er sich von den Attacken seiner Konkurrentin nicht anstecken ließ, sondern mit Gelassenheit beeindruckte.
Die Hoffnungen der deutschen Obama-Fangemeinde könnten sich trotzdem als verfrüht erweisen - auch wenn Hillary Clinton, wie weithin erwartet, in dieser Woche das Rennen verlassen sollte.
John McCain, der Kandidat der Republikaner, ist trotz seiner einundsiebzig Jahre und seines angeblich cholerischen Temperaments ein Gegner von Format. Er ist ein Kriegsheld, ein Charakterkopf, und tut sich mit Taktieren sichtlich schwer; das gefällt vielen Amerikanern. Konservativ ist McCain, kein Zweifel. Aber sein erbitterter Widerstand gegen die staatliche Folter und seine progressiven Ansichten zu Immigration und Klimawandel sind auch Liberalen sehr sympathisch.
Obama wie McCain, der mutmaßliche und der gekürte Kandidat, sind beide atypisch für ihre Parteien, Außenseiter in ihren eigenen Lagern. Sie stehen vor einem nahezu identischen Dilemma. Sie müssen die Mitte besetzen, um jene Wähler für sich zu gewinnen, die der Polarisierung der vergangenen acht Jahre überdrüssig sind und sich nach Versöhnung und einer Erneuerung amerikanischen Ansehens in der Welt sehnen.
Gleichzeitig müssen sie die von Krieg und Wirtschaftskrise desillusionierte und verunsicherte Stammklientel ihrer Parteien überzeugen, dass sie auf ihrer Seite sind. Für John McCain heißt das, sich zähneknirschend auf die Forderungen der Evangelikalen, Handelsprotektionisten und außenpolitischen Isolationisten in seiner Partei einzulassen (oder zumindest so zu tun).
Für Barack Obama ist die Aufgabe ungleich schwerer, denn traditionelle Demokraten stoßen sich weniger an seinen Meinungen als an dem, was er ist: der Sohn eines schwarzen Kenianers und einer weißen Amerikanerin, noch dazu einer, der den Sprung in die Bildungs-, Einkommens- und Machtelite auf spektakuläre Weise geschafft hat. Obamas eigenes Selbstverständnis ist post-racial, also jenseits einer durch Hautfarbe determinierten Identität, gewiss auch geprägt durch Kindheitsjahre in den toleranten, multikulturellen Schmelztiegeln von Hawaii und Indonesien.
Fragt sich nur, ob Amerika schon so weit ist wie Obama. In Umfragen gibt kaum einer gern rassistische Vorurteile preis; aber in der Wahlkabine stellt keiner mehr peinliche Fragen. Möglich, dass Demokraten, die sich durch Obama nicht repräsentiert fühlen, am 4. November zuhause bleiben, oder gar für den liberalen Gegner stimmen. Und sollte sich gar die Lage des Landes verdüstern - sei es auf den Finanzmärkten oder am Kriegsschauplatz Irak - werden Amerikas Wähler eher auf das Versprechen von Sicherheit hören als auf die Kunde von Hoffnung und Wandel.
Und wenn der nächste US-Präsident doch Obama hieße, wie seine deutschen Freunde hoffen? Hat er nicht versprochen, dass Amerika erst sein Ansehen in der Welt wiederherstellen muss, bevor es Forderungen stellen wird? Ja, aber gerade diese Zusicherung beweist das Erfahrungsdefizit des Kandidaten.
Gerade weil Amerika Macht und Ansehen eingebüßt hat, und weil rings um den Globus autoritäre Regimes auftrumpfen, wird ein Präsident Obama sich umso schneller und dringlicher um Hilfe an die Europäer wenden. Die Themen: mehr Truppen für die Nato-Operation in Afghanistan, Gespräche mit und wirksamere Sanktionen gegen Iran, mehr Sicherheitsverantwortung im Kosovo, ein beherzteres Engagement an Europas Außengrenze, eine aktivere Diplomatie im Nahen Osten - ja, vielleicht sogar Stabilisierungshilfe im Irak. Als Idealist wird Obama - zu Recht - darauf hoffen, dass der Appell an das Verantwortungsgefühl der Europäer wirkt. Bleibt er folgenlos, wird der Präsident als Realist weitermachen. Ohne Europa.



